Re:Guben

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Ebenen und Grenzen der Fotografie

 

 

„Wenn der so bekloppt ist und durch die

Scheibe läuft...“

 

Guben 15 Jahre nach der tödlichen Hetzjagd auf Farid Guendoul

 

13. Februar (Vernissage) bis 21. März 2014 (Finissage)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag ab 16 Uhr

Bildprojektion auf Anfrage

Eintritt: frei

 

In der Nacht vom 12. zum 13. Februar 1999 verblutete der algerische Asylbewerber Farid Guendoul im Hauseingang der Hugo-Jentsch-Straße 14 in der brandenburgischen Kleinstadt Guben, nachdem er und seine beiden Begleiter von einer Gruppe rechter Jugendlicher gejagt worden waren. Die Täter waren in dieser Nacht unterwegs auf der Suche nach Menschen, an denen sie ihren rassistischen Hass auslassen konnten. Sie bemächtigten sich über Stunden des Raumes der Stadt. Zu keinem Zeitpunkt trafen die Täter dabei auf jemanden, der sie aufhielt.

Farid Guendoul ist eines von 184 Todesopfern rechter Gewalt seit der deutschen Wiedervereinigung. Im Vergleich zu den meisten von ihnen erhielten sein Tod sowie das sich anschließende, mehr als 18 Monate dauernde Gerichtsverfahren eine hohe mediale Aufmerksamkeit.

Wer heute in Guben nach Zeichen einer Erinnerung sucht, wird viele Leerstellen finden und ist mit Ablehnung und Unverständnis konfrontiert: das Wohnhaus in der Hugo-Jentsch-Straße wurde abgerissen, Menschen suchen nach wie vor die Schuld bei Farid Guendoul und sehen sich in erster Linie als Opfer einer überregionalen Berichterstattung, politische Stellen verweigern immer noch eine Auseinandersetzung mit der Tat. Nur ein kleiner, unscheinbarer und häufig verwahrloster Gedenkstein auf einer Wiese erinnert an Farid Guendoul.

 

Die Ausstellung erzählt die Ereignisse dieser Februarnacht 1999 vor der Abbildung damaliger Ereignisorte 15 Jahre nach der Tat. Die Diskrepanz zwischen dem Ereignis und seiner Nicht-Ablesbarkeit im Raum ist dabei nicht zu überbrücken. Sie ist Teil der Erinnerung und Anlass der Annäherung.

Die Ausstellung ist eine Erinnerungsinstallation zum 15. Todestag Farid Guendouls, sie beschließt gleichzeitig das Projekt RE:GUBEN, das sich ein Jahr lang Fragen nach einem Umgang mit dem Gedenken an die Todesopfer rechter Gewalt und der Erinnerung an Farid Guendoul in Guben gewidmet hat.

 

Downloads:

Pressemitteilung (PDF)

Pressebilder (ZIP)

 

Presseecho:

rbb Rundfunk Berlin-Brandenburg

Opferperspektive

www.perisphere.de

www.berlinspiriert.de

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Überlegungen zum Verhältnis von Bild und Gedenken

Annika Wienert

 

Der Anlass zur Ausstellung und der Eröffnung am 13. Februar 2013 ist ein trauriger und schockierender. An diesem Tag jährte sich der Tod des algerischen Asylbewerbers Farid Guendoul zum 15. Mal. In der Nacht zum 13. Februar 1999 verblutete er in einem Hauseingang in der brandenburgischen Kleinstadt Guben, nachdem er und seine beiden Begleiter von einer Gruppe rechter Jugendlicher gejagt worden waren. Farid Guendoul ist eines von mindestens 184 Todesopfern rechter Gewalt seit der deutschen Wiedervereinigung. Mitgefühl und ein würdiges Andenken bleiben ihm bis heute in Guben verwehrt. Das titelgebende Zitat „Wenn der so bekloppt ist und durch die Scheibe läuft...“, gibt die mehrheitliche Haltung der lokalen Bevölkerung wieder. Nur ein kleiner, unscheinbarer und häufig verwahrloster Gedenkstein auf einer Wiese erinnert vor Ort an Farid Guendoul.

Somit ist die Ausstellung nicht nur eine künstlerische Installation, sondern dient auch dem Gedenken. Doch was bedeutet Gedenken? Ich zitiere Alexandra Klei:

„Gedenken als nicht-privater Akt bedeutet in der Regel, dass an einem Jahrestag an einem für diesen Zweck bestimmten Ort eine Gruppe von Menschen zusammenkommt, die ein Ereignis, das mit Ort und Datum verbunden ist, als Anlass nimmt, die Erinnerung mit für sie wichtigen Aspekten zu verknüpfen. Gedenken bedeutet immer, das als erinnerungswürdig bestimmte Geschehen nicht um seiner selbst Willen zu erinnern, sondern in seiner Indienstnahme für aktuelle Zwecke.“

Diese Indienstnahme ist unumgänglich und nicht per se verwerflich. Es gilt, sie bewusst zu machen und beständig zu reflektieren. Dazu kann eine künstlerische Annäherung wie die gezeigte audio-visuelle Installation einen besonderen Beitrag leisten. Sie ist motiviert durch die Empörung über den Tod Guendouls und den Umgang damit.

Die Verweigerung des Gedenkens in Guben steht dabei im Kontrast zu dem Gedenkdiskurs, der sich im wiedervereinigten Deutschland parallel zu dem gewalttätigen Terror der Neonazis herausbildete. Es ist ein Diskurs, der einen weitgehenden Konsens über Notwendigkeit des Gedenkens vor allem an den Nationalsozialismus herstellte und durch die behauptete vorbildliche Gedenkpraxis in der BRD eine positive gemeinschaftsstiftende Funktion hat. Dieses Gedenken wird dabei aber getrennt von einem Alltag und kann für den einzelnen in dieser Hinsicht konsequenzlos bleiben. Aktuell zeigt sich dies am Umgang mit dem NSU: Historisierung, und künstlerische Überformung mit dem Ziel der Verarbeitung findet statt, noch bevor die Taten überhaupt offiziell aufgeklärt wurden.

In der Installation von Alexandra Klei und Christian Herrnbeck ist die Schilderung der Februarnacht 1999 zu hören und sind aktuelle Fotografien der damaligen Ereignisorte zu sehen. Dabei wird eine Diskrepanz zwischen dem Geschehen und seiner Nicht-Sichtbarkeit im Raum deutlich. Gedenken ist jedoch grundlegend auf Sichtbarkeit, auf Visualität angewiesen. So schreibt Claude Lanzmann: „One must know and see, and one must see in order to know. These two aspects can't be separated.“

Visualität, Bildlichkeit ist Voraussetzung des Gedenkens: Sie dient der Evidenzerzeugung (es ist wirklich geschehen) sowie als Ausweis von Signifikanz. So kann in den Bildern des blutverschmierten Treppenhauses auch ein Grund dafür gesehen werden, dass der Tod Farid Guendouls im Vergleich zu anderen rechtsextremen Gewalttaten der Zeit, auch solchen mit Todesfolge, eine größere Aufmerksamkeit in den Medien erhielt.

Dieser Imperativ der Sichtbarkeit (geglaubt wird nur, was gesehen wird) wird von Michel de Certeau als spezifisch moderne Eigenschaft charakterisiert, im Unterschied zum Postulat der Unsichtbarkeit des Realen als vor-moderner Kondition. Bildlichkeit ist daher nicht nur Voraussetzung, sondern auch Form des Gedenkens.

Was passiert aber, wenn keine Bilder da sind? Im Falle Farid Guendouls existieren keine selbstbestimmten Bilder des Opfers, nur ein einziges Porträtfoto ist bekannt. Der Tatort selbst ist nicht mehr existent: Das Haus wurde 2003 im Zuge des Rückbaus und der Sanierung der Plattenbausiedlung abgerissen.

Der unscheinbare Gedenkstein befindet sich an anderer Stelle. Die Ausstellung schafft neue Bilder und leistet einen Beitrag zu der Annäherung an die Frage, wie ein kritisches und selbstreflexives Gedenken möglich sein kann.

Dieses Anliegen teilt sie mit dem Internet-Projekt RE:GUBEN, dessen Abschluss sie gleichzeitig bildet. RE:GUBEN hat sich ein Jahr lang dem Umgang mit dem Gedenken an die Todesopfer rechter Gewalt und der Erinnerung an Farid Guendoul in Guben gewidmet und zu diesen Themen Kommentare, Reportagen, Analysen, Interviews, Filme und Bilder auf einer Website veröffentlicht. Diese Website ist Teil der Ausstellung und kann an einem Computer im Ausstellungsraum gelesen werden.