Das Fotobuch als Medium der Berührung

werkraum bild und sinn

Ebenen und Grenzen der Fotografie

Dr. Mareike Stoll

Die Welt in den Händen und Augen des Betrachters. Das Fotobuch der Weimarer Republik als Medium der Berührung

 

Vortrag am 26. August 2016 um 20:00h

Eulerstr. 1, 13357 Berlin

Eintritt frei

 

Der Vortrag untersucht das deutsche Fotobuch in der Zwischenkriegszeit und rekonstruiert die Gründe für seine Popularität in dieser Zeit, indem es die formaleVerwandtschaft zur Fotografie in den Illustrierten (mit gedruckten Foto-Konstellationen), Buchdruckexperimenten und dem Film genauer in den Blick nimmt.

 

Anhand einer Reihe von Fotobüchern und theoretischer Schriften zwischen 1924 und 1937 wird darüber hinaus ein historischer Hintergrund deutlich, vor dem sich die Fotografie als Medium positioniert, das politisch, also manipulierbar ist. Konsequenterweise heißt das, dass Fotografie gleichermaßen erkenntnisfördernd wie erkenntnishemmend sein kann. Das Fotobuch wird in diesem Kontext als ein pädagogisches Instrument situiert, das die Wahrnehmung von Fotografie auch in anderen Kontexten erleichtert und bewusster macht, weil es die Lese- und Wahrnehmungs-Geschwindigkeit von Fotografie reduziert oder vielmehr dem Betrachter in die Hand gibt, wie schnell oder langsam die Sequenz von Bildern konsumiert wird und damit zur genaueren Betrachtung und zum Langsam-Lesen und Langsam-Sehen anregt. Die Berührung durch den Betrachter ist dabei zentral, es geht um das Begreifen der Bilder, das mit dem Fotobuch eingeübt wird.

 

Das Fotobuch erzeugt formal einen Rahmen für die Fotografie, verändert aber auch die Wahrnehmung von Fotografie eben durch die Berührung und kann so als „Schule des Sehens“ bezeichnet werden. Das Programm der visuellen Alphabetisierung für und durch Fotografie findet im Fotobuch seinen idealen Raum, da das Buch als Medium von jeher mit der Aneignung von Wissen durch den Akt des Lesens in Verbindung steht. Das Fotobuch bedient sich der Lese-Erfahrung und überträgt sie auf die Fotografie. Hier bekommt das Lesen einen anderen Charakter, da alles Bild wird und auch der Text sich visuell zum fotografischen Bild verhält, alles aber durch die Hand der Lesenden vermittelt.

 

Das Fotobuch lässt sich als Medium verstehen, das sich zwischen Buch auf der einen Seite und gedruckter Fotografie als Abzug auf der anderen Seite bewegt. Das Fotobuch ist flexibler in Bezug auf Wand, Schoß und Tisch: es wird gehalten, hingelegt, aufgestellt. Das Erblättern des Fotobuchs gibt dem Betrachter mehr Raum, denn nur in der Interaktion von Buch und Betrachter gelangen die Fotografien als Sequenz zur Sichtbarkeit. Auf diese Weise praktizieren die Betrachter des Fotobuchs eine besondere Form des vergleichendes Sehen, da auch die Zusammenstellung des Fotobuchs an sich schon einer vergleichenden und gegenüberstellenden Montage unterworfen ist, an der die Betrachterin aktiv mitwirkt.

 

In diesen Schulen des Sehens, denn jedes Fotobuch ist ein wenig anders, kommt das Lesen-Lernen und das Sehen-Lernen immer wieder neu zum Zuge und ist immer an die Hand der Betrachtenden geknüpft; abgeschlossen ist es nie. Vielmehr entsteht es immer wieder mit jeder neuen Foto-Konstellation. Mehr noch, die Mobilisierung durch Fotografie ist nicht eindeutig lenkbar, auch durch Fotobücher nicht. Die Dringlichkeit einer Alphabetisierung durch Fotografie aber war allen Protagonisten deutlich bewusst, soviel lässt sich abschließend feststellen. Und das Fotobuch wird dem Betrachter an die Hand gegeben als ein Medium zum eigenständigen Begreifen der visuellen, vor allem fotografischen, Umgebung.

 

 

Mareike Stoll studierte Komparatistik und Kunstgeschichte an der FU und HU in Berlin. Im Anschluss daran arbeitete sie zwischen 2005 und 2008 für die Galerie Kicken Berlin. Von 2008 bis 2015 absolvierte sie ein Promotionsstudium an der Princeton University, NJ und war dort in der Lehre tätig. Im November 2015 wurde ihr von der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) das Stipendium zur Erforschung des deutschsprachigen Photobuchs zuerkannt. Nachdem sie von September 2015 bis Juli 2016 Dozentin in Princeton war, kehrte sie wieder nach Berlin zurück. Ihr Buch mit dem Arbeitstitel „ABC der Bilder. Photobücher der Weimarer Republik als Schulen des Sehens“ wird in Zusammenarbeit mit der DGPh im Kettler-Verlag erscheinen, geplant für Sommer 2017.